SAXEED Blog

Vom Scheitern, Mut fassen und neu durchstarten: SAXEED im Interview mit Julia Lüpfert

Julia, Julinga und SAXEED sind am Wochenende auf dem Entrepreneurship-Summit in Berlin anzutreffen. Auf Julia wartet dort eine Marktstartchallenge, während derer sie gegen neun andere Start-ups antritt und den meisten Umsatz in 48 Stunden erwirtschaften will. Trotzdem hat sie sich Zeit genommen, um mit SAXEED über vergangene – aber vor allem zukünftige – Projekte zu sprechen:

SAXEED: Liebe Julia, überall heißt es: „Wir brauchen mehr Mut zum Scheitern!“ Du hast die Erfahrung gemacht, wie es ist, mit einem Start-up nicht den erhofften Erfolg zu haben. Wie hast du die Realität des Scheiterns erlebt?

Julia: Das Scheitern ist kein ganz plötzlicher Moment, in dem die Welt von allein über einen zusammenbricht. Es waren mehrere Ereignisse über ein paar wenige Wochen hinweg, die uns im Team zu der Entscheidung der Insolvenz gebracht haben. Das heißt, im letzten Moment braucht es auch Mut und Kraft, hinzusehen, alles zu regeln und nicht den Kopf in den Sand stecken und nichts mehr tun. Dann wird es nämlich gefährlich. Ich hab dann auf „Funktionieren“ umgeschaltet und die ganze Arbeit gemacht. Insolvenzantrag stellen, noch eine Finanzamtsonderprüfung, Krisen-PR, Mitwirkungspflichten bei den Arbeiten des Insolvenzverwalters, Büro ausräumen, und und und. Das waren ungefähr vier Wochen Arbeit. Erst danach konnte ich abschalten und anfangen, das Ganze zu realisieren.

SAXEED: Was hat dich bewegt, dich nun doch noch ein weiteres Mal als Unternehmerin zu versuchen?

Julia: Für mich war ziemlich schnell klar, dass ich wieder gründen will. LAVIU ist ja nicht an meinen Fähigkeiten, sondern an technischen Schwierigkeiten gescheitert. Mit nun einem Jahr Abstand kann ich das gut differenzieren. Am Anfang habe ich schon an mir gezweifelt, aber von vielen Seiten Unterstützung und Zuspruch erfahren. Auch wenn die Insolvenz in dem Moment negativ war, habe ich positive Rückmeldungen zu meiner Arbeit als Geschäftsführerin in dieser Zeit erhalten.

SAXEED: Was müsste sich ändern, damit gescheiterte Gründer auch mit einem zweiten Anlauf durchstarten können?

Julia: Rein bürokratisch wird man durch das Scheitern systematisch benachteiligt. Vielen Fördermittelanträgen geht eine Schufaprüfung voraus und auch ein Geschäftskonto kann ich als Geschäftsführerin eines Unternehmens im Insolvenzverfahren nicht eröffnen. Das Insolvenzverfahren ist noch nicht abgeschlossen, aber für Julinga habe ich ein Einzelunternehmen gegründet, was auch erstmal ohne Geschäftskonto funktioniert. Insolvenz anmelden und wieder neu gründen ist einfach (noch?) nicht so vorgesehen.

SAXEED: Nun aber Schluss mit der Vergangenheit. Erzähl uns mehr über dein neues Projekt! Wie kam Dir die Idee, Spiele für die Partnerschaftsentfaltung zu entwickeln?

Julia: In den letzten zwölf Monaten habe ich an der Masterclass von Prof. Faltin (FU Berlin) teilgenommen. Dort ging es darum, herauszufinden, welchen Wert man ganz persönlich in die Welt bringen möchte und wie man daraus ein Produkt und ein Geschäftsmodell entwickelt. Dadurch konnte ich meine Augen öffnen und sehen, dass mich das Thema Partnerschaft eigentlich schon lange begleitet und ich dafür viele teure Seminare mache, Bücher lese, Webinare mit meinem Mann mache, und und und. Das zum Inhalt eines Unternehmens zu machen, hatte ich nie im Sinn, das Thema interessiert mich einfach persönlich sehr.

Aber genau darum geht es eigentlich. Herausfinden, was die eigenen Themen sind, für die man sich interessiert und dann überlegen, wie man ein Produkt daraus macht, was zu einem passt. Ich denke, das ist mir gut gelungen. Ich bin sehr stolz auf mein erstes Produkt. Was heute in den Verkauf startet. Das erste Spiel heißt „Kompass durch dick und dünn – spielend gemeinsame Werte finden“. Denn ich habe gemerkt, wie wichtig es für die Partnerschaft ist, zu wissen, wofür sie steht und was uns als Paar verbindet. Mein Spiel hilft, spielerisch genau das herauszufinden. Nächstes Jahr werden noch mehr Spiele den Weg in meinen Online-Shop finden! Denn ich habe viele, viele Ideen!

Mit ihrem ersten Julinga-Spiel geht Julia Lüpfert im Rahmen des Entrepreneurship Summit 2019 in Berlin an den Markt!

SAXEED: In deinem ersten Start-up hast du in einem Team und gemeinsam mit Investoren und Partnern gearbeitet. Mit Julinga ist das bisher nicht der Fall – kein großes Team, kein Verlag, kein Investor – oder? Wieso hast du dich dazu entschieden und – bleibt das so?

Julia: Ja, im Großen und Ganzen wird das so bleiben. Zunächst glaube ich, dass es nicht nur eine Frage der persönlichen Präferenz ist, ob man ein großes Team aufbaut und mit einem Investor gründet, sondern es ist auch eine Frage, was zum Produkt passt. Julinga kann ich ohne Fremdfinanzierung mit Bootstrapping umsetzen. Das passt in diesem Fall einfach zusammen. Bei einem technisch komplizierten Produkt funktioniert das meist nicht. Generell denke ich, ist es immer ratsam, schnell zu sein. Denn wenn man eine Idee hat, hat mindestens eine andere Person auf der Welt die gleiche Idee. Denn die Idee ist meist (so auch bei Julinga) ein Kind des Zeitgeistes. In meinem Fall war Bootstrapping dann einfach die beste Möglichkeit, um schnell zu sein. Zeit ist bei mir sowieso eine sehr begrenzte Ressource, da ich ja noch ein fünf Monate junges Baby habe.

Die Spiele zur Partnerschaftsentfaltung sind für mich auch ein sehr persönliches Thema. Da ist es mir wichtig, dass ich das gesamte Paket vom Produkt, über den Businessplan bis hin zum Webauftritt selbst gestalte, damit alles zusammen und alles zu mir passt.

SAXEED: Du arbeitest nach dem Lean-Start-up-Ansatz – wie sind deine Erfahrungen in der Praxis damit?

Julia: Lean heißt für mich vor allem eins – schnell auf den Markt. Ich habe das erste Spiel drei Runden lang von Paaren testen lassen, verbessert, wieder testen lassen, usw. Das habe ich mit guten Freunden, erst in der letzten Runde mit Fremden gemacht. Jetzt geht das Spiel in seiner ersten Auflage in den Verkauf. Trotzdem bitte ich die ersten 500 Käufer mit einem Fragebogen um Feedback, denn es kann noch besser werden. So wird sich das Produkt ganz lean weiterentwickeln. Das Unternehmen baue ich jetzt erst nach und nach auf. Bis jetzt gibt es nur das Allernötigste, was es braucht, um einen Online-Shop zu starten.

Die Idee für Julinga hatte ich ungefähr Weihnachten, zusammen mit vielen anderen Ideen. Entschieden habe ich mich im Februar. Im Mai kam meine zweite Tochter zur Welt und jetzt im Oktober ist der Marktstart. So schnell geht’s nur mit dem Lean-Ansatz und Bootstrapping. Zeit für Meetings hätte ich nicht gehabt.

SAXEED: Wir haben dich beobachtet: In Sozialen Medien schaffst du es immer wieder, spannenden Content zu generieren, um auf Dein Start-up aufmerksam zu machen. Das war auch schon bei LAVIU so. Woher ziehst du deine Inspiration für Artikel wie auf deinem Blog?

Julia: Danke für das Kompliment, das war mir gar nicht so bewusst. Ich schreibe einfach, was mir in den Kopf kommt. Die Blogartikel sind oft auch von Unterhaltungen mit Freunden inspiriert, die mich um Rat fragen. Also immer her mit euren Fragen. 🙂

SAXEED: Wir von SAXEED an der TU Bergakademie Freiberg wollen durch verschiedene Veranstaltungen, Formate und Erfolgsbeispiele Mut zum Gründen machen. Was sind deine Wünsche und Ideen für eine lebhafte Gründerszene in Freiberg?

Julia: Formate, in denen man andere Gründer trifft, motivieren mich immer sehr! Ich schau gern anderen ein bisschen über die Schulter und lerne von deren Erfahrungen. Ich wünsche mir, dass in Freiberg noch mehr erfahrene Selbstständige und Unternehmer*innen mit der Gründerszene zusammenwachsen, denn wir können alle voneinander viel lernen!

SAXEED: Liebe Julia, wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir viel Erfolg für Julinga!

 

Julia, Julinga und SAXEED sind auf dem Entrepreneurship-Summit in Berlin anzutreffen und berichten hier von ihren Erlebnissen:

via Instagram: Julinga Spiele und saxeed.gruendernetzwerk
via facebook: SAXEED und Julinga

 

Fotos: Julia Lüpfert